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Zivilcourage: „Lass niemanden allein“

 

„Gute Worte, gute Gedanken, gute Taten“ – diese Worte des persischen Philosophen Zarathustra waren das Lebensmotto von Fabian Salar Saremi. Der 29-Jährige mischte sich ein, als vier junge Männer in einer Disco eine Frau belästigten. Später lauerten sie ihm auf der Straße auf, schlugen ihn nieder und ließen ihn liegen. Ein Taxi überrollte den Bewusstlosen. Vier Wochen später starb Saremi. Freunde und Familie gründeten den Verein Fabian Salars Erbe, der sich für mehr Zivilcourage in unserer Gesellschaft einsetzt. Salome Saremi-Strogusch, Fabians Schwester, leitet den Verein heute.

Planet Wissen (PW): Frau Saremi-Strogusch, Sie haben Ihren Bruder auf sehr tragische Weise verloren. Haben Sie erst eine Zeit lang still getrauert oder haben Sie sich sofort gesagt: Ich muss etwas tun?

Salome Saremi-Strogusch: Der Gedanke war eigentlich sofort da. Mein Bruder hatte Menschen in Not geholfen und als er dann selbst Hilfe gebraucht hätte, war keiner da oder die Menschen haben nicht gewusst, wie sie ihm helfen können. Ich war an dem Abend nicht da und konnte ihm nicht helfen. Darum war es so wichtig für mich, ihm später irgendwie zu helfen. Schon während seiner Zeit im Krankenhaus habe ich gemerkt, dass das, was für meinen Bruder und auch für mich so selbstverständlich ist – sich für Menschen einzusetzen –, in unserem Umfeld und in der Gesellschaft gar nicht so selbstverständlich ist. Und da wusste ich: Da müssen wir etwas ändern.

Wie haben Sie die Ermittlungen nach dem Angriff auf Ihren Bruder erlebt?

Als mein Bruder ins Krankenhaus gebracht wurde, wollte ich direkt wissen, was passiert ist. Das konnte mir aber keiner sagen. Keiner wusste, wer die Täter sind. Und ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt nur stumm zusehe und nicht aktiv werde, dann läuft alles schief. Ich wollte Antworten und deswegen hatte ich zunächst gar nicht die Zeit zu trauern und wütend zu sein. Ich war wirklich damit beschäftigt, dass meinem Bruder Gerechtigkeit widerfährt. Wir haben mit Leuten telefoniert, die an dem Abend dabei waren. Dadurch haben wir dann tatsächlich auch die Täter identifizieren können. Das habe ich auch der Polizei weitergeben wollen, aber die haben uns eher vermittelt: „Nun nerven Sie jetzt mal nicht. Wir kümmern uns schon darum.“ Wir waren erschreckend hilflos: Man ist Opferfamilie und weiß gar nicht, an wen man sich wenden kann, wer einem hilft. Das war eine ganz schlimme Situation.

Eigentlich vertraut man ja darauf, dass die Polizei den Fall aufklären wird.

Es ist aber vieles schief gelaufen: Bis der Gerichtsmediziner meinen Bruder gesehen hat, sind zwei Wochen vergangen. Tatortfotos wurden vor dem Prozess irrtümlich gelöscht. Blutproben am Tatort sind nicht genommen worden. Der Polizei schien das alles überhaupt nicht wichtig zu sein. Viel Vertrauen konnte ich da nicht entwickeln. An diesem Punkt soll auch die Arbeit unseres Vereins ansetzen: Die Polizei, die ja die Bürger immer zur Zivilcourage auffordert, sollte verstehen, dass sie ihr Verhalten den Opfern gegenüber ändern muss. Es sollte eine gewisse Empathiefähigkeit, ein Mitgefühl da sein. Die unterschiedlichen Stellen, also Polizei, Justiz und unter Umständen Jugendhilfe, müssten effektiver zusammenarbeiten. Und die Ermittlungsarbeit müsste transparenter werden, damit die Öffentlichkeit erfährt: Da tut sich was. Die Täter können sich nicht einfach ins Ausland absetzen. Wer andere bedroht und verletzt, kommt nicht so einfach davon.

Haben Sie den Prozess gegen die Täter in besserer Erinnerung?

Der Richter war super, trotzdem: So einen Prozess als Opfer – oder in unserem Fall als Opferfamilie – das wünsche ich keinem. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Wir hatten zum Beispiel belastende Fotos beschafft, auf denen man die Täter mit Schlagringen, Messern, Ninja-Sternen und so weiter sieht. Das wäre eigentlich der Job der Ermittler gewesen. Ich bin mir sicher, dass das nicht nur in unserem Fall so gewesen sein wird. Und das möchte ich ändern.

Auch darüber hinaus ist mir dabei klar geworden: Wir müssen etwas tun, wir müssen Zeichen setzen. Zum Beispiel wollten wir in unserer Stadt gern einen Gedenkort haben, irgendetwas, um Menschen dazu aufzurufen, in einer Notsituation das Richtige zu tun. Das wurde stark diskutiert, was ich fürchterlich fand. Es gab Bürger, die sehr auf unserer Seite waren. Und es gab andere, die gesagt haben: „So, jetzt muss es auch mal gut sein.“ Vergessen und Wegsehen kennen wir ja in unserem Land und wir dürfen nie wieder zulassen, dass weggesehen und vergessen wird.

Sie haben nach dem Tod Ihres Bruders den Verein „Fabian Salars Erbe“ gegründet. Was genau macht dieser Verein?

Wir wollen, dass die Menschen sich trauen, Zivilcourage zu zeigen. Viele denken: Zivilcourage – dabei kommst du selbst zu Schaden, du kannst eh nichts ausrichten, lass das mal lieber. Und es gibt immer noch genügend Menschen, die mit dem Begriff gar nichts anfangen können, die gar nicht wissen, was das im Alltag bedeutet. Wir wollen das so populär machen, dass es ansteckt. Zivilcourage muss selbstverständlich werden. Wir versuchen, dieses schwierige und unbequeme Thema den Menschen durch bunte, kreative Aktionen erst mal näherzubringen. Wir wollen Berührungsängste nehmen. Viel mehr können wir im Moment nicht tun – wir sind ein kleiner Verein und machen kleine Dinge, auch wenn wir uns noch viel mehr wünschen würden, aber dazu fehlen uns einfach die Mittel.

Was sagen Sie Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen selbst etwas passiert, wenn sie einschreiten?

Natürlich kann Zivilcourage für den Helfer im Extremfall gefährlich werden, aber mutiges Verhalten kann man auch leisten, ohne sich selbst zu gefährden. Es geht ja nicht nur um Gewaltverbrechen, es geht auch um Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz. Es geht darum, Menschen in einer Notsituation nicht alleine zu lassen. Zivilcourage, Mut und Toleranz sind Themen, die zusammengehören und die wir zur Sprache bringen wollen. Das fängt bei den Kindern an: Sie brauchen ein gutes Selbstwertgefühl und Mitgefühl für andere. Wir versuchen gerade Kindergruppen zu vermitteln: Lass niemanden allein, seid eine Gemeinschaft. Wir wollen mit unserem Verein selbst ein Vorbild sein und auch andere Vorbilder zeigen – aber ohne Zeigefinger.

Was müsste sich ändern, damit die Menschen im Umgang mit Unrecht und Gewalt engagierter würden?

Wir sind alle Getriebene, haben immer weniger Zeit: Dieses Schnelllebige, Hektische lässt uns immer mehr auf uns und gar nicht mehr nach links und rechts schauen. Die Angst, den Job zu verlieren, die Angst, sich nicht genug um die Familie zu kümmern, da verliert man andere schnell aus dem Blick. Wenn es um spontane aktive Hilfe geht, haben die Menschen außerdem eine ungeheure Angst, sich zu blamieren. Sie fürchten, eine Situation falsch einzuschätzen, sie fürchten sich davor, sich ungefragt einzumischen. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Berührungsängste, aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich aus zwei Kulturkreisen, dem islamisch-persischen und dem christlich-deutschen, komme und gar keine Probleme habe, jemanden anzusprechen und zu sagen: „Guck mal, da ist irgendwas komisch.“ Aber viele trauen sich das gar nicht. Besonders stark scheint diese Angst beiTeenagern zu sein, aber auch im Erwachsenenalter. Lieber den Mund halten und weitergehen. Und das muss sich ändern. Es darf uns nicht peinlich sein nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Lieber einmal zu viel gefragt, als jemand in Not im Stich zu lassen.

(Barbara Garde, Stand vom 15.02.2013)